Donnerstag, 14. Februar 2013

Verirrt in Lazio

Montefranco in der Morgensonne
Auch Marias Frühstück im Borgo erweist sich als einzigartig, wohl als Entschädigung für den Regen werde ich verwöhnt wie ein verlorener Sohn. Einem hamsternden All-Inclusive-Gast ähnlich packe ich die Reste als Lunchpaket zusammen, in weiser Voraussicht wie sich später herausstellt. Lange überlege ich, auf welchem Weg ich ins "heilige Tal" mit den vier berühmten Franziskusklöstern gelangen will - mit Kees und seinen verwirrenden Wegen, in den kommenden beiden Tagen mitten durch die Berge, oder der via francigena folgen. Sie führt zuerst bis Piediluco (zur Franziskuskapelle) die Nera entlang, um dann nach Osten Richtung Rieti abzubiegen. Das Wetter soll laut Maria meglio werden, na viel schlechter als gestern geht auch nicht mehr. Und obwohl ich ab der Grenze von Umbrien nach Latium keine Karte mehr habe, verlasse ich mich auf die gelbe Markierung nach Rom - "wird schon klappen". Und zuerst läuft auch alles bestens, der Weg entlang der Nera ist bestens ausgeschildert, ich versuche, durch hohes Tempo die Sonnenwärme zum Trocknen der klammen Pilgerklamotten zu nutzen und renne allen aufkeimenden Zweifeln davon.

Wegweiser, leider wenig verlässlich
Die kleinen Nester grüßen von den Hügeln herab und laden ein zu entspannter Pause und bestimmt wundervoller Fernsicht - doch ausspannen und sinnieren steht nicht auf dem Programm heute, nur kurze Blicke auf den Flusslauf, von tief ins Wasser ragenden Ästen eingerahmt. Zu den Cascate von Marmore steigt der Weg hinter Arrone steil hinauf - leider werden die spektakulären Wasserfälle nur am Wochenende zur Erbauung der Ausflügler aktiviert, so muss ich dieses Naturschauspiel auf den Bildern des Naturparks bewundern - Goethe wäre von der Idee eines künstlichen Wasserfalls ohne "sittlichen Nährwert" bestimmt begeistert gewesen.

Kurz vor eins bin ich bereits in Piediluco, als einziger Weg um den Lago bietet sich die Asphaltstraße mit reichlich Verkehr an. Das Pro Loco ist verriegelt und scheint auch bis auf weiteres keine Informationen für Herberge suchende Pilger herauszurücken. Nach kurzer Rast in der fast ausgestorbenen Stadt entschließe ich mich, noch heute nach Poggio Bustone, dem ersten der vier Franziskanischen Klöster im Rietital aufzubrechen.

In Labro sind alle Tourenbeschreibungen zu Ende, ich folge den immer spärlicher werdenden gelben Markierungen, die seit Murro nur noch als verblichene gelbe Punkte den Weg weisen. Dazu steigt der Weg in (völlig falscher) Richtung Nordwesten irrwitzig an. Im absolut unpassendsten Moment macht sich dazu eine Blase an der Ferse schmerzhaft bemerkbar. Mangels Alternative gehe ich immer weiter, obwohl alle Zeichen zum Umkehren oder zumindest Anhalten und Nachdenken mahnen. Doch außer einer Essenpause kenne ich nur ein "weiter!" auf dem einmal eingeschlagenen Weg.

Benessere con cani
Eine Stunde vor Einbruch der Dunkelheit und der totalen Verzweiflung kommt mir ein Ehepaar in einem Pickup entgegen, die bei meinem Anblick sofort anhalten - meine Ratlosigkeit steht mir wohl weithin sichtbar ins blasse Gesicht geschrieben. Als ich ihnen mein Ziel (Rivodutri oder Poggio Bustone, ich bin da nicht mehr wählerisch) nenne, schlägt die Frau fast die Hände über dem Kopf zusammen, ich bin - welche Überraschung - total falsch. In ein paar hundert Metern ist die Straße zu Ende und zurück geht es nur nach Murro. Ich darf mir auf der Ladefläche zwischen Gartengeräten und frisch geputzten Arbeitsstiefeln einen Platz in der wilden Hundemeute suchen, selten habe ich mich so geborgen gefühlt. Nach 10 Minuten Abfahrt nehmen meine Retter einen Abzweiger, den ich zuvor mangels Markierung ignoriert hatte und Minuten später sehe ich den ersten Wegweiser nach Poggio Bustone, mit roter (!) Farbe gekennzeichnet. Voller Dank verabschiede ich mich von meinen Wohltätern, freundlich lächelnd nehmen sie mein "pace e bene" samt Franziskusbildchen aus La Verna als Grazie für den Umweg an und machen sich auf Richtung Murro. Die Hunde haben kein einziges Mal gebellt.

Als Franz von den Anfeindungen wegen seines radikalen Weges auf den Spuren Jesus´ genug hatte, wanderte auch er nach Latium und begründete die 4 Klöster auf den Anhöhen über dem Rietital. Ihm ging es damals ähnlich wie mir heute, er war begeistert, wie freundlich ihm die guten Menschen hier begegneten - wohl in Latium entstand sein  

Buon giorno, buona gente!

Mit freundlicher Unterstützung meiner Stirnlampe schaffe ich es auf Franziskus´ Spuren gerade noch so bis Poggio Bustone, finde auch das Ostello Francescano, wo ich als einziger Gast aufgenommen werde. In dieser Nacht finde ich trotz der Erschöpfung keinen Schlaf, bis eins klopfen und hämmern emsige (Schwarz-) Arbeiter am Haus gegenüber und alle Rufe der Nachbarn können sie nicht zum Aufhören bewegen. Als dann Ruhe ist, sinniere ich über die Aktion heute nach - ich bin mir selbst fast fremd, wie stur ich am ursprünglich gefassten Weg festhielt. Die aufgescheuerte Blase schmerzt, doch das wunde Gefühl, wie knapp ich heute einer Nacht unter freiem Himmel ohne passende Ausrüstung entgangen bin, rührt tiefer.



Ubi Caritas, et amor, deus ibi est!

Über die Brücke...bis Ferentillo

Il ponte e aperto!
Claudia, die Besitzerin des Albergo Panciolle, kümmert sich angenehm um ihre Gäste. Beim Auschecken nach einem rein süßen colazione erkundigt sie sich nach meinen weiteren Plänen. So erfahre ich, dass der Ponte delle torri (entgegen Kees´ Information) gerade wieder geöffnet ist und ich direkt über diese geniale Brücke aus dem Mittelalter, die auf 10 turmartigen Pfeilern ruht, zum Kloster Monteluco gelangen kann. Auf der kaum gepflegten Gedenktafel an Goethes Erwähnung des Ponte  ist dieser Abschnitt zu lesen:

Spoleto hab' ich bestiegen und war auf der Wasserleitung, die zugleich Brücke von einem Berg zu einem andern ist. Die zehen Bogen, welche über das Tal reichen, stehen von Backsteinen ihre Jahrhunderte so ruhig da, und das Wasser quillt immer noch in Spoleto an allen Orten und Enden. Das ist nun das dritte Werk der Alten, das ich sehe, und immer derselbe große Sinn. Eine zweite Natur, die zu bürgerlichen Zwecken handelt, das ist ihre Baukunst, so steht das Amphitheater, der Tempel und der Aquadukt. Nun fühle ich erst, wie mir mit Recht alle Willkürlichkeiten verhaßt waren, wie z. B. der Winterkasten auf dem Weißenstein, ein Nichts um Nichts, ein ungeheurer Konfektaufsatz, und so mit tausend andern Dingen. Das steht nun alles totgeboren da, denn was nicht eine wahre innere Existenz hat, hat kein Leben und kann nicht groß sein und nicht groß werden.

Was bin ich nicht den letzten acht Wochen schuldig geworden an Freuden und Einsicht; aber auch Mühe hat mich's genug gekostet. Ich halte die Augen nur immer offen und drücke mir die Gegenstände recht ein. Urteilen möchte ich gar nicht, wenn es nur möglich wäre. (J.W.v. Goethe, Italienische Reise)

Den letzten Absatz findet man nicht mehr auf der Tafel, doch gerade dieser beschreibt in Kurzform eine Erfahrung, meiner der letzten Wochen ganz ähnlich. Lange verweile ich auf diesem auch für mich sehr sinnvollen Werk der Baukunst und knipse wie wild. Jetzt wäre es Recht, ein Falke zu sein und Spoleto und den Ponte aus höherer Perspektive zu sehen. 


franziskanisches Luxusbett
Nach dem Ponte biegt der Wanderweg humorlos zum Berg hin ab und steil führt die ausgeschilderte via francigena hinauf nach Monteluco. Und auch hier entdecke ich wieder das Wunder der immer mehr gesammelt erscheinenden Natur kurz vor einem Kloster, mittendrin idyllisch angelegte Wanderwege, die zu bewegenden Gehmeditationen einladen. Das Wirken der Minderbrüder blieb nicht nur in Form von Gartenbau, sondern auch energetisch in Bäumen und Pflanzen erhalten.

Diesmal bin ich früh genug dran, um das Kloster zu besichtigen. Die sieben erhaltenen Zellen der Brüder (bis vor 100 Jahren tatsächlich noch bewohnt) verdienen ihren Namen durch ihre Kargheit in jeder Beziehung. Der Gegensatz zwischen kirchlichem Glanz (wie im Dom erlebt) und der brutalen Einfachheit in der kompromisslosen Nachfolge Jesu irritiert mich in dieser Umgebung wie noch nie auf dieser Reise.  Ich zünde eine Kerze für Lucas, Mona und alle anderen Menschen mit dem Beziehungsstatus "Es ist kompliziert" an. Auch diese Gruppe sucht noch einen trockenen Platz unter dem Dach der Kirche.

Um 10 Uhr stehe ich gebeutelt von religionskritischen Gedanken unter den düsteren Wolken von Umbrien - eine Entscheidung steht an. Um 11 Uhr auf dem Agroturismo, den Kees so anpreist, einlaufen und dort sinnieren, oder gleich weiter nach Ferentillo, wo hinter dem Gebirgszug vielleicht besseres Wetter lockt? Ich lasse den Bauernhof links liegen und mache mich auf den Weg nach Le Cese, den ersten Regentropfen geschickt ausweichend.
Castelmonte, vom Zahn der Zeit überwuchert
Obwohl Kees auf den Wanderweg um den Monte Fiocchi "besondere Sorgfalt" verwendet hat, wird die Etappe bis Ferentillo zum Festival des Verlaufens. Zu Beginn sind die Richtungsangaben noch eindeutig, doch später verfranse ich mich ein ums andere Mal. Der bergsteigerische Höhepunkt des Vormittags ist der Weg auf den Castelmonte, einer Anhöhe mit kaum mehr sichtbaren Ruinen einer längst vergessenen Burg. Ich genieße die Aussicht auf den Monte Fiocchi, obwohl aus der Ferne schon Donnergrollen zu vernehmen ist. So wird die Mittagspause ganz kurz gehalten, obwohl ich dem Anblick der Schafherden, die von perfekt ausgebildeten Hunden in die vom Hirten gewünschte Richtung dirigiert werden, ewig zusehen könnte.  

Danach geht es im Galopp hinunter nach Le Cese, wo mich kurz nach den letzten schützenden Dächern ein mächtiges Gewitter einholt. Ich schaffe es gerade noch, Rucksackhülle und Regenjacke zu finden, idiotischerweise liegt die Regenhose zu tief im Zaino, so dass ich der Wasserfestigkeit meiner Berghose vertrauen muss. Im strömenden Regen lege ich die letzten 8-9 Kilometer ohne Kees Empfehlungen (der Weg in "meist trockenen Bachbetten" scheint mir bei der Sintflut etwas waghalsig) auf der Asphaltstraße nach Ferentillo zurück. Schilder dorthin finden sich keine, aber hilfsbereite Autofahrer weisen mir den nassen Weg hinunter. Lauthals singe ich das "Om bhur bhuvaha svaha" und hoffe, dass meine Rimbocchi aus Alu keinen Blitz anziehen.

Patschnass laufe ich im "Il Borgo" ein, trotzdem werde ich gastfreundlich aufgenommen, sogar ein Abendessen wird angeboten und Trocknungsmöglichkeiten für die Klamotten. Auch Geldbeutel und Kees haben reichlich Wasser abbekommen und werden mit dem Fön behandelt.

Bei einem tollen Abendessen im Gewölbesaal des Borgo werde ich für die Anstrengungen des Tages reich entschädigt. Im Überschwang beschließe ich, ab jetzt den Markierungen der Via Fracigena zu folgen, da mir Kees´ Anweisungen zu schwammig sind. Bei Dauerregen sind Bücher, Karten und GPS-Handys nur wenig wert. Sonja würde mir hier wohl raten, den Weg und die Herbergssuche mehr in Gottes Hand zu legen. Vermutlich sind die beiden Salzburgerinnen wieder auf dem Heimweg, hoffentlich mit einer besseren Perspektive als der schlaflose Pilger in der alten Ritterburg. 

Om, wir meditieren über den Glanz des verehrungswürdigen Göttlichen,
den Urgrund der drei Welten, Erde, Luftraum und himmlische Regionen.
Möge das Höchste Göttliche uns erleuchten, auf dass wir die höchste Wahrheit erkennen
 
   




Dienstag, 12. Februar 2013

Gegen den Wind nach Spoleto


Stigmata im Herzen
Die Choräle der Augustinerinnen bringen mich in der Frühmesse ins Staunen, auch die fleißige "Moonboots-Schwester" ist dabei, die Handwerkerinnen von gestern singen klar und rein das Lob Gottes. Derweil sinniere ich über den gestrigen Weg zum Berg des Falken, laut Ka ein Symbol für ausdauernde und geduldige Arbeit auf ein Ziel hin. War dieses Ziel meiner Arbeit bei xXx-Software tatsächlich, mit einer Abfindung auf der Straße zu sitzen? Viel zu lange hetzte ich fremdbestimmt durch einen ungeliebten Job, rieb meine anfängliche Begeisterung für die Arbeit im Betriebsrat am vergeblichen Versuch des Vermittlens auf. Doch auch gestern war in Bevagna nicht ersichtlich, dass am Ende des Tages ein lohnendes Ziel wartete. Gloria in excelsis Deo. Die Schwestern holen mich wieder zurück ins hier und jetzt - ich verlasse Santa Clara mit einem Bild und der Geschichte der Heiligen - die Autopsie durch die Mitschwestern - harter Tobak.

Meine Versuche, an der Klosterpforte für die Übernachtung einen Obolus zu hinterlassen, schlagen ebenso fehl wie in Spello, so lege ich eine Spende in die Kerzenkasse und suche mir eine Frühstücksbar in der Sonne. Auch für den 24km-"Hatscher" nach Spoleto heute brauche ich die Symbolik des Falken, doch ich mag mich anfangs gar nicht vom warmen Hauptplatz trennen und die Tour durch den Nebel antreten.

Erst spät mache ich mich wieder auf den Weg, den wohl auch Goethe schon genommen hat, mit den eigenartigen Mäandern, die Kees heute einschlägt. Außer der Strada provinciale (dicht befahren) ist kein direkter Weg erkennbar, so wechselt die Route andauernd die Richtung. In einem kaum nachvollziehbaren Zickzack kreuze ich wie ein Segelschiff bei Gegenwind, immer auf der Hut, die Abzweiger nicht zu verpassen. Auch die Karte auf dem Handy bietet keine Alternative zu diesem zermürbenden hin und her, wie üblich machen beide Akkus dazu ebenso schnell schlapp, wie die frohgemute Stimmung beim Auszug aus Montefalco. Mein anwachsender Grimm richtet sich nicht gegen die rein autofreundliche Straßenführung, sondern (natürlich undankbarerweise) gegen Kees, den Pilgerführer. Da ich, wie auf Flachetappen üblich, wieder einmal fast im Laufschritt unterwegs bin, meldet sich auch tibialis anterior wieder. Rast ist angesagt, mit einem Salami-Panino als Andenken an heitere Stunden in Montefalco. Gern würde ich heute über Claras Fähigkeit zur Unterscheidung der Geister verfügen - welche Gedanken stammen wirklich aus meinem freien Willen, was steuert der Nordwind bei, von guten oder bösen Geistern befeuert?


Durch uralte Kulturlandschaft Richtung Spoleto
Gegen den weiter auffrischenden Wind und unverändert im Zickzack ändert sich der Speed, die neuen franziskanischen Wandersandalen lassen nur ein moderates Tempo zu, während sich die Lowas im Rucksack ausruhen dürfen. Der Nebel hat sich ebenso aufgelöst wie die miese Laune und mit dem Gayatri-Mantra gehe ich die wohl notwendigen "Drei-Schritt vor, einen zurück" bis Spoleto. Kees´ Empfehlung der Übernachtung im Kloster außerhalb lasse ich dann unbefolgt - den letzten Aufschießer angesichts des Ziels in Sichtweite ebenso - auf geradem Weg, inmitten von Autos, Vespas und Fußgängern gehe ich schnurstracks Richtung Dom und finde ein Zimmer im urgemütlichen Albergo Panciolle.


Il Duomo, Amateuraufnahme
Mit dem Besuch der Abendmesse im beeindruckenden Dom versuche ich, spirituelle Kraft für morgen zu tanken, nachdem mich der Bettler vor der Tür kurzzeitig aus der Fassung brachte. Mein gespendeter Euro schien ihm ein Zeichen meiner Geistesschwäche zu sein, so erhielt ich statt einem Grazie wüste Verwünschungen nachgerufen. Die achtlos vorbeigehenden Kirchenbesucher wurden besser behandelt. Im Dom erfülle ich meine Pilgerpflichten (Timbro abholen und Kerzerl anzünden, diesmal für die im Straßenverkehr umgekommene Barbara, wir trafen erst kurz vor ihrem Tod aufeinander).

Wie üblich lassen mich die Reliquien und Devotionalien (in einer Vitrine ist ein Brief von Franziskus aufgebahrt) eher unberührt. In der Osteria del festivale fülle ich die Kohlehydratspeicher auf. Das menu del giorno bietet Polenta mit Salsiccia und als ungewohnten Hauptgang Bruschetta mit neuem Olivenöl, wunderbar. Die letzten beiden Tage ging es meist flach dahin durch Kulturlandschaft von Olivenhainen und Ackerland. Ab morgen geht´s erneut in die Berge (ich erwarte da wieder öfter auf meine bellenden Freunde zu treffen) mit anspruchsvollerer Navigation ohne Superstrada als naheliegenden Orientierungspunkt. Auch heute erreiche ich daheim niemanden, mit der kurzen Nachricht, dass ich morgen eine Doppel-Etappe bis Ferentillo plane, verziehe ich mich ins Panciolle und grübele nach über Schuld und Sühne.

Montag, 11. Februar 2013

Der Berg des Falken

Wie versprochen, besuche ich die Morgenmesse und übe mich einmal wieder in einfachen lateinischen Gesängen. Vom Schwager der Oberin werde ich herzlich verabschiedet -  ein weiterer Gast des frühen Gottesdienstes und auf meiner Tischseite beim Colazione. Er spricht gepflegtes American English, hart erarbeitet in seinem früheren Job als Ingenieur bei einem der Marktbegleiter meiner (EX!) Firma.

Die nächsten 17km führen durch die nebligen umbrischen Niederungen. Kees´ Routen-Empfehlungen mäandrieren scheinbar wahllos in alle Himmelsrichtungen, bald verliere ich jeden Sinn für Orientierung und folge stumpf den Beschreibungen meines Pilgerführers. 

Mehrmals widerstehe ich dem Impuls, die Handschuhe herauszukramen, kein Gedanke an rein meditatives Gehen. Trotzdem geht mir Caroline und der Bezug zu meiner Schwester nicht aus dem Sinn. Ich habe von einem Bruderzwist geträumt, das Gleichnis vom verlorenen Sohn geht mir andauernd durch den Sinn. Der treu-brave Sohn, seine Perzeption vergleichend mit dem Trubel, der um den heimgekehrten Filou gemacht wird. Wie unterschiedlich Geschwisterpaare doch ihr Verhältnis zueinander empfinden können! Auch zwischen meiner Schwester und mir haben sich Mauern aus Konkurrenzdenken aufgebaut.

Bevagna erreiche ich zur Mittagszeit und durch den feuchtkalten Nebel erscheint die ganze Stadt frostig und unwirklich. In der Bar fasse ich ein kurzes Mittagessen und versuche, den Gesprächen ein wenig zu folgen, mit wenig Erfolg. Dass sich das Addio del´Papa auf den Rücktritt von BXVI bezieht, realisiere ich erst abends via Internet.


Der Falkenberg - mein Ziel für heute
Nach kurzem Besuch des historischen Waschplatzes mache ich mich auf den Weg in Richtung Montefalco, das gestern schon aus dem Nebelmeer als lohnendes Ziel herausragte. Endlich geht es bergauf, es wird wärmer und trockener, dieses  Dahinstochern im Nebel ist weder meiner Stimmung noch meinen Zipperlein irgendwie förderlich. In Montepennino blinzelt schon die Sonne und ein Streifen blauen Himmels durch Gewölk und kurz nach einer Kurve strahlt plötzlich Montefalco traumhaft im schönsten Sonnenlicht, wie eine Insel im Nebelmeer.

Auf dem Hauptplatz lädt mich der Besitzer eines Öl- und Trüffelladens auf einen seiner Baststühle ein, etwas Sonne zu tanken. Wir schwatzen kurz über seine Geschäfte (so lala) und meine Pilgerreise (sein Gesichtsausdruck lässt eher auf Mecki-ähnliche Bewertung zu Beginn der Reise schließen). Er weist mir noch den Weg zum Kloster der Hl. Klara von Montefalco (nicht verwandt mit Franzens Klara) und kümmert sich um seine clienti. An der Klosterpforte empfängt mich eine deutsch sprechende Schwester in originellem Arbeitsoutfit - Moonboots und Regenjacke. Umfangreiche Renovierungsarbeiten erfordern den Einsatz aller Insassen des Klosters in ungewöhnlichem Schuhwerk. Jemand sollte Maria schnellstens informieren, dass Sonja noch weitere Ausrüstung benötigt. Ich bekomme im Gästehaus gegenüber eine gemütliche Kammer, noch ungeheizt, zugewiesen. Dankbar checke ich ein, hoffentlich wird die notwendige große Wäsche auch bis morgen trocken.

Abends kann ich nicht vom leckeren Sagrantino lassen, ein wundervoll samtiger Rotwein, von dem ich eindeutig zu viel erwische. Wieder einmal allein unter wild debattierenden Abendgästen im Ristorante spüre ich trübe Gedanken förmlich heranziehen, auch weil mein allabendlicher Anruf daheim seit zwei Tagen schon keinen Abnehmer fand. Lustlos schmökere ich in der SZ und nachdem auch im Internet-Café kein Kontakt zur Heimat entstehen will, schleiche ich heute etwas benebelt ins Bett. Den klaren Blick des Falken werde ich morgen wieder auf dem Weg nach Spoleto benötigen. 

Sonntag, 10. Februar 2013

Wieder alleine nach Spello

Erst spät bin ich am Morgen fertig zum Aufbruch, den Zaino wieder reisefertig gepackt auf dem Rücken. Nach wüsten Träumen, zum ersten Mal auf dieser Reise bei Helligkeit erwacht, kam der Gedanke: "Und wenn ich (wie die Parettis) einfach länger bleibe?". Doch die unstete Seele will weiter, den Plan erfüllen.

In einer Bar in Assisi lädt uns Maria zu einem Frühstück mit Toast, Cappu und einen Pago ein. Sofort fällt mir auf, wie überaus aufmerksam die Betreuung durch den Barista ausfällt; Extrawünsche werden als Herausforderung gesehen, statt als Zumutung, die Musik wird sofort leiser gestellt, als Maria sich über die Lautstärke nur in einer kleinen Geste mokiert. Sonja hat auch ein Schuhproblem, sie benötigt noch "franziskanische" Sandalen, die anders als in meiner Vorstellung, nicht an alle Anwärterinnen beim Eintritt ins Kloster ausgegeben werden. Auch hier wieder sofort ein Tip vom Barbesitzer, ein Geschäft in der Nähe der Porta Capucchini. Das nächste Mal pilgere ich in blauäugiger weiblicher Begleitung, sogar die Jäger aus Montalone würden vermutlich einen mit uns heben.
 
Addio!
Gemeinsam erkunden wir noch die langsam erwachende Stadt und können nicht aufhören, uns über Sonjas weiteren Weg als Nonne auszutauschen. Zum Glück kann ich meine Retter-Attitüden zügeln und mich mit den beiden Frauen auf die hoffentlich erbauenden Erlebnisse freuen, die auf Sonja warten. Im Schuhgeschäft stöbern wir eine Stunde nach passenden Sandalen. Zumindest ich werde fündig und nehme Abschied von meinen Merrells, die mich über weite Wege begleitet haben. Vermutlich habe ich mit dem Einfetten in Stia den letzten Pflegefehler gemacht, der freundliche Ladenbesitzer ist offenbar vertraut mit solchen Szenen, legt die alten Treter behutsam in den als Sarg umfunktionierten Karton meiner neuen Sandalen, anstatt sie nur in die Tonne zu werfen.
 
Doch weit mehr bewegt mich ein kurzer Moment, ein fragender Blick von Sonja, umgeben von Kartons und Schuhwerk. Sie hat sich eben die x-te Sandale des klaglos immer weitere Modelle anschleppenden Verkäufers über die bloßen Füße gezogen. Ihr "Wie würden Dir die gefallen" beziehe ich kurzzeitig nicht nur aufs Schuhwerk, bevor ich schlucke und mit einem unverbindlichen "nett" antworte. 

Es ist schon nach Mittag, als wir am Kapuziner-Tor unseren tränenreichen Abschied feiern. Ich muss mich losreißen, denn der Weg bis Spello hat neben 16km noch den Monte Subasio auf dem Plan. Das Bild von Mutter und Tochter, dem schlaflosen Pilger aus dem geliebten Assisi nachwinkend, werde ich nie vergessen, in der kurzen Zeit waren wir wahre Freunde.


letzter Blick auf Assisi
Um die traurigen Gedanken zu bekämpfen, schlage ich ein Wahnsinnstempo ein, lasse die Carceri unterhalb liegen und renne den Weg zum Subasio in einem Speed hoch, der auch Lucas ins Schwitzen bringen würde. Die Aussicht ins nebelverhangene Tal ist einfach nur wunderbar, Assisi scheint wie ein Schiff im Wolkenmeer zu treiben. Der Weg ist gut markiert, mehrere Wandergruppen sind unterwegs, um diesen Blick zu genießen. 

Als ich kurz vor dem Gipfel eine Dreiergruppe ausmache, gebe ich nochmals Gas und erreiche zusammen mit den Ausflüglern den Gipfel. Die Wallfahrer aus Rovaniemi sind Teilnehmer des Jugendtreffs, den ich schon in La Verna erlebt habe, sie wundern sich etwas über den rasenden Pellegrino mit dem roten Rucksack. Wir wünschen uns noch "pace e bene", wobei mir Ähnlichkeiten in finnischer und bayrischer Aussprache des Franziskanischen Grußes auffallen. Während die Finnen wieder zurück nach Assisi aufbrechen, mache ich mich auf den Weg nach Spello hinunter. Der von Kees beschriebene Abzweiger auf den CAI50 ist nicht zu finden und da es schon spät am Nachmittag ist, nehme ich die Schotterstraße, die sich in endlosen Bögen talwärts zieht. Die Szenerie kurz vor Spello ist mein allerliebstes Bild bisher - Mein heutiges Ziel im letzten Licht der versinkenden Sonne. Obwohl ich ein etwas mulmiges Gefühl ob der einsickernden Dunkelheit spüre, stehe ich 10 Minuten oberhalb der Olivengärten der Kooperative und bewundere diese Szene, die mir wie ein unvermutetes Geschenk erscheint.

Spello im letzten Abendlicht
Als ich in Spello einlaufe, ist es bereits kurz nach 18 Uhr und fast dunkel. Ich finde das von Kees empfohlene Kloster, doch dort ist kein Platz für mich. Don Diego, eher Dandy als Mönch, mit gegeltem Haar und Habit, der aus der aus der Savile Road stammen könnte, packt mich nach kurzem Telefonat in seinen Fiat, zündet sich ein Zigarillo an und jagt mit Volldampf durch die Stadt. An der Pforte des Klosters von Franziskanerinnen gibt er mich ab, schwatzt noch kurz mit der Schwester, die mich in Empfang nimmt und fährt dann wieder zurück, das Zigarillo zurück im Auto gleich wieder anzündend. Wir sehen ihm beide in einer Mischung aus Staunen und Bewunderung hinterher, was für ein lässiger Typ! 

Im Convento der Suore Francescane Missionarie del Cuore Immacolato di Maria bekomme ich meinen Pilgerpass gestempelt und das Gästezimmer zugewiesen, meine Frage nach den Kosten wird fast empört abgewiesen - Pilger werden hier für Gotteslohn versorgt. Die Szenerie beim Abendessen ist etwas skurril, alle Schwestern (zwei jüngere betreuen altgediente Franziskanerinnen, die hier ihren geruhsamen Lebensabend verbringen) sitzen dicht gedrängt  an einem Ende des Tisches, während ich alleine das andere ziere. Den köstlichen Weißwein würde ich am liebsten mit auf´s Zimmer nehmen, um mich über die Einsamkeit am Tisch hinwegzutrösten. Denn die Schwestern haben offenbar Kontaktsperre zu (männlichen?) Gästen. Zum Dessert (Ciambellini, auch sehr lecker in vino bianco, aber ich traue mich nicht) setzt sich die Leiterin des Klosters (sie hatte mich vorhin am Tor abgeholt) zu mir und fragt nach dem woher-wohin und ein wenig nach dem warum. Ich werde für den nächsten Tag zur Morgenandacht eingeladen und freundlich aber bestimmt in mein Pilgerbett geschickt. Seltsamer Zufall, dass viele meiner Vorurteile zum Klosterleben gerade heute so bestätigt werden.





















Samstag, 9. Februar 2013

Mit Caroline, Maria und Sonja in Assisi

Ostello della pace
Interessante Erfahrung für einen hotelverwöhnten Pellegrino und ex-Geschäftsreisenden, so eine Nacht in der Jugendherberge. Meine Gefühle schwanken zwischen Dankbarkeit und leisem Bedauern, als die Managerin des Ostello mir mitteilt, dass sie für mich und zwei weitere Insassen ein Privatzimmer in der näheren Umgebung organisiert hat. Als ich draußen auf die versprochene Fahrt hinüber warte, winkt mich eine in roten Daunenmantel gehüllte, von einem Heer von Plastiktüten umstellte Gestalt zu sich. Sie begrüßt mich in amerikanisch angehauchtem Englisch und stellt sich als Caroline vor. Mit ihren 82 Jahren zieht sie zu Fuß und per Autostop (wie soll das denn gehen?) durch Italien und lebt weitgehend auf der Straße von dem, was ihr geschenkt wird. Die Nacht verbrachte sie, geschützt vor der umbrischen Kälte, im Heizungsraum. Heute morgen wurde sie bemerkt und mit einem Cappu zum Abschied zur Weiterreise augefordert.

Den USA hat sie schon vor Jahren "Goodbye" gesagt, nachdem sie den Kontinent per Fahrrad bereist hatte, immer getragen von "the power of god". Als ich ihr erzähle, was mich zur Zeit nach Assisi gebracht hat, sieht sie mich aus ihren wundervoll klaren Augen intensiv an, nimmt meine Hände in ihre und sagt nach einer bedeutungsvollen Pause "Adam, you have a mission!". Normalerweise würde mich eine solche Szenerie zu sofortiger Flucht nötigen, heute und jetzt bin ich gefesselt von dem hypnotisch anmutenden Tonfall Carolines. Wir kommen auf meine gleichnamige Schwester zu sprechen, die karmaverstärkend auch noch im gleichen Sternzeichen geboren ist. Der Hinweis auf meine mysteriöse Mission? Ich schenke ihr zum Abschied unaufgefordert meine Gartenschere (die kann sie bestimmt besser brauchen), sie schenkt mir den Ansporn, mit meiner Schwester endlich wieder in Kontakt zu kommen.

Ein schüchternes Hupen macht mich darauf aufmerksam, dass Elena (die neue Herbergsmutter) und meine beiden weiteren Mitreisenden offenbar seit geraumer Zeit im Auto darauf warten, dass ich endlich in die Pötte komme, mein Rucksack wurde, von mir unbemerkt, bereits in den Golfo geladen. Und so umarmt Adam, der schlaflose Pilger lange Zeit Caroline, die obdachlose Heilige, kümmert sich nicht um den herben Duft oder die verwunderten Blicke ringsum und steigt mit Tränen in den Augen in den wartenden Wagen.

Als ich die Beifahrertür öffne, begrüßen mich die blauen Augen von gestern Abend - meine beiden Mitreisenden entpuppen sich als Maria und Sonja Paretti, tatsächlich Mutter und Tochter aus dem Salzburger Land, ebenfalls auf dem Weg ins Privatquartier von Elena. Wir kommen unterwegs ins Gespräch, Sonja will in ein Kloster in Assisi eintreten, sie ist Theologiestudentin und sucht nun nach passender Wirkungstätte. Ich bin in Gedanken anfangs immer noch bei Caroline, jedoch überrasche ich mich selbst in der Pensione mit dem Vorschlag an die beiden Damen, sie am Abend in Assisi zum Essen einzuladen. Wir verabreden uns für halb acht.

In Assisi mit dem Bus angekommen, besuche ich die 11-Uhr-Messe in St. Maria Maggiore (um halb acht war ich schon zur Frühmesse in San Francesco gewesen). Auf eigenartig einsamen Wegen erklimme ich La Rocca und genieße vom Westturm aus die gigantische Aussicht - Blick bis Val Fabricca, mein ganzer Weg bis hierher zu meinen Füßen - un-ban-dig!  In San Stefano entzünde ich noch ein Kerzerl für meine Familie und auch eine für Robert, eher mein Bruder als ein Freund.

Leider sind meine Merrells total am Ende, meine Einfettung von Stia erweist sich als eher letzte Ölung, denn als Rettung. Keine Ahnung, wie ich am Abend mit diesem Mief in eines der feinen Restaurants in Assisi gehen soll. So beschließe ich nach der Rückkehr zu Elena, den Weg nach San Damiano (ich will nochmals in die Vesper) in den Bergschuhen anzutreten und dann gleich so nach Assisi zu stiefeln. Inmitten von wallfahrenden Jugendlichen wird dieser modische Fauxpas hoffentlich nicht zu sehr auffallen.

Als ich dann im Ristorante degli Orti  auf Sonja und Maria treffe, sind solche Gedanken sofort wie weggeblasen. Maria bewundert ihre charismatische Tochter unendlich, während es mir ein Rätsel ist, wie eine derart eigenständige und kirchenkritische Persönlichkeit in ein Kloster eintreten kann. Mystische Wanderpredigerin auf Franz´ und Jesus Spuren würde da viel besser passen. Sonja hingegen findet ihren Entschluss völlig konsequent und so sind wir gleich intensiv am diskutieren. Als ich (nach meinen letzten Erlebnissen, auch an der katholischen Basis) von meinen Zweifeln am Getragensein erzähle, bin ich offensichtlich an eines ihrer Kernthemen  gelangt. Zuerst in Worten erklärt sie mir die Grundfesten ihres Glaubens, dass Gott uns alle trägt, dass wir ihm alles anvertrauen und aufbürden können. Offenbar zeigt mein Blick, dass ich dieses Geschenk auch körperlich benötige - zum zweiten Mal an diesem Tag finden sich meine Hände in denen meiner Gegenüber, dann legt Sonja mir diverse Symbole, die sie der Tischdeko entnimmt in meine offenen Hände und lässt mich den Sinn ihrer Worte mit diesem Setting nachspüren, während ihre Mutter dem (von der Kellnerin misstrauisch beäugten) Schauspiel strahlend zusieht. Um elf mahnt dann Maria zum Aufbruch, wir biegen (wie zum Beweis des Getragenseins) gleichzeitig mit dem Bus hinunter nach Santa Maria degli Angeli zur Porta San Pietro ab und sind kurz vor Mitternacht wieder in Elenas Pensione. Die Trennung fällt schwer und wir verabreden uns auf ein Frühstück in der Stadt für morgen um acht.

Nachtrag: Zum zweiten Mal auf meiner Reise schlafe ich die Nacht durch und träume von einem Leben als Franziskaner in brauner Kutte (Clara kam im Traum nicht vor). Drei Gottesdienste an einem Tag gehen auch an mir nicht spurlos vorüber.









Freitag, 8. Februar 2013

Die Herberge des Friedens

Wenn der Plan von gestern Schlaf durch Überanstrengung beinhaltete, dann hätte ich mir die Gewalttour sparen können. Von drängenden Gedanken besetzt, wälze ich mich im knarzenden Bett des ehemaligen Franziskanerklosters, das nun als Jugendherberge dient.

Im Hinblick auf die Zeit in Assisi beschäftigt mich die Relation zwischen Vor- und tatsächlich empfundener Freude - werde ich mich alleine in den Massen von Menschen wohlfühlen und zurecht finden? Dazu dreht sich das Gedankenkarussell um die (vermutlich kindische) Frage, wie das  Verhalten von Jesus und der Jünger (alle häuslichen und familiären Pflichten von heute auf morgen hingeschmissen und dem gefolgt, was ihnen in einem Moment als ihre Bestimmung erschien) in der "christlichen" Bewertung solchen Handelns heutzutage ausfallen würde. Die Akzeptanz meines "Teilzeit-Ausstiegs" als Maßstab genommen, hätten die Jünger vermutlich schlechte Karten. Wieder einmal verbringe ich die halbe Nacht hellwach, die erhoffte Beschäftigung mit dem "Was mache ich jetzt?" findet derzeit als nächtliches Grübeln statt. Regen trommelt dazu leise im Takt.

Brave Führer am Wegesrand
Nach einem spartanischen Frühstück verlasse ich Val Fabbrica fluchtartig (der Regen hat sich zurückgezogen) ohne weitere Einkäufe. Nach einem leicht ansteigenden Pfad geht es atemberaubend steil einen Hügel hinauf, der Weg ist vom nächtlichen Regen aufgeweicht und seifig, ein wahres Wunder, dass ich ohne Abflug diesen Anstieg schaffe. War ich davor noch schlaftrunken dahingetrottet - jetzt bin ich wieder hellwach und im Tag angekommen. Erst jetzt spüre ich wertschätzend, dass ich die Gewalttour von gestern ohne nennenswerte Blessuren überstanden habe. Die Wolken ziehen sich nun immer mehr zurück, die Sonne Umbriens trocknet die anfangs batzigen Wege schnell. Dann der magische Moment - aus dem Nebel taucht plötzlich Assisi auf und die Rocca und San Francesco scheinen aus der Ferne zu grüßen, dazu die "Tau"-Markierungen an jeder Ecke - das bisher intensivste Gefühl des "Angekommen sein" stellt sich bei mir ein.
  
Assisi in der Ferne - noch zwei Stunden Weges
Obwohl der einsame Weg nach Assisi  nun beträchtlich auf und ab führt, gehen die Gedanken zurück an frühere Besuche der Heimatstadt von Franziskus - zum ersten Mal während der toskanisch-umbrischen Flitterwochen. Mit unserem Kinderwagen-Rollstuhl-Tandem konnten wir uns kaum den Weg durch die engen Gassen bahnen, heftig bedrängt von hartnäckigen Drückerkolonnen, die uns unsägliche Devotionalien andrehen wollten. Mein "Nie wieder Assisi" hielt zwanzig Jahre, bis unsere Pfarrgemeinde eine ökumenische Busreise auf den Spuren von Franz auf die Beine stellte. Welch Unterschied zur ersten Plackerei - im Lichte der Spiritualität und mit den versierten Erklärungen des fast verklärt wirkenden Pfarrer-Teams erlebte ich vier wundervolle Tage voller Licht, Musik und interessanter Gespräche. Diese Stimmung, das Atmen von "franziskanischer Luft" hoffe ich heute und morgen restaurieren zu können. 

Das letzte Stück Weges bis zum Denkmal von Pater Pio führt mich durch ein wahres Arkadien - Olivenhaine, friedlich grasende Schafherden und uralte Häuser vermitteln ein Bild eines mythischen Lebensmodells, in dem schlaflose Nächte nicht vorkommen. Bloß: Mit meinem leistungsorientierten Setting wäre bei einem Leben ohne "Anstrengung" (ich spreche nicht nur von körperlicher Arbeit) die Langeweile mein stetiger Begleiter.

Ohne mich groß beim pompösen Pater-Pio-Denkmal aufzuhalten (in meiner Phantasie stimmt der verehrte Heilige Adams Einschätzung des Monumentes zu - verkitscht) mache ich mich auf den etwas zähen Anstieg zur Porta Giacomo, ganz nahe bei San Francesco. Oben orientiere ich mich in Richtung San Pietro, um im Ostello della Pace einzuchecken, mitten durch Massen von Wallfahrern. Das Ostello öffnet erst um 16 Uhr - ich beschließe, meinen Zaino als Zeichen für "ich war zuerst da" hier zu lassen und ohne Gepäck nach Santa Maria degli Angeli zu gehen. Doch auch dort sind die Tore mittags geschlossen, so höre ich auf den knurrenden Magen und warte in einer Bar bei Pizza und Caffé. Der Blick zurück nach Assisi ist grandios.

Blick auf Assisi (ausgeliehen vom Ostello della Pace)

Ohne die Portiuncula-Kapelle wäre St. Maria nur eine weitere große, prächtige Kathedrale. Aber der Ort, an dem Franz lange wirkte und dort auch gestorben ist, hat auch auf mich eine fast magnetische Anziehungskraft. Eine konzentrierte Stunde verbringe ich dort, in Gedanken an meine Ahnen, vor allem meine Großeltern, die von der Geschichte vergessen, irgendwo im heutigen Serbien verscharrt wurden. Erst vor kurzem war ich mit meinem Vater an den Orten seiner Kindheit, ein eigenes Kapitel seiner und meiner Lebensreise. 

Zurück im Ostello wird mir ein Platz in einem wackligen Stockbett zugewiesen, den ich dankbar annehme. Leider nur für eine Nacht, da ab morgen alles belegt ist. Über Rivotorto wandere ich mit der Stirnlampe ausgestattet hinüber nach San Damiano, wo der spirituelle Weg von Franz seinen Anfang nahm. Ich mag diesen Ort und die Abendandacht mit der spirituellen Gemeinschaft sehr und fühle mich viel wohler, als in den prunkvollen Kirchen Assisis. Dorthin zurück und zu meiner cena in der Herberge führt der gut ausgebaute, sogar beleuchtete Gehsteig.

Andacht in San Damiano
Im Ostello della pace ist in der Zwischenzeit kein Friede mehr zu finden, voll belegt zeigt es sich abends erfüllt von Stimmengewirr aus allen Ländern. Am Tisch sitze ich mit Australiern und Kanadiern, wir tauschen uns aus über das woher-wohin (warum steht nicht auf der Agenda). Am Nebentisch fällt mir ein Mutter-Tochter Gespann (rate ich mal) mit österreichischer Tonart auf, die begeistert von Pater Pio erzählen. Immer wenn die jüngere spricht, hängen die übrigen Tischgenossen förmlich an den Lippen der jungen Frau mit den langen roten Haaren und dem lebhaften Blick aus den blauen Augen. Obwohl ich nicht alles verstehe, ergeht es mir ähnlich. Ich will nicht zu unhöflich wirken und so wende ich mich von der charismatischen Szene wieder etwas bedauernd den Gesprächen meiner Tischgenossen zu. Gerade werden Erlebisse vergangener Kreuzfahrten durch ferne Meere diskutiert, ich würde gern am anderen Tisch sitzen, plötzlich interessiert an Pater Pio. Als einer der ersten verlasse ich das refettorio, todmüde und voller Eindrücke zwischen Einsamkeit und Fülle an Menschen. Morgen...Assisi...