Donnerstag, 21. Februar 2013

Arrivederci Roma!

Mit den letzten Kräften angekommen
Die feinen Laken meines noblen Bettes in der Casa bonus Pastor duften auch noch am Morgen frisch gestärkt. Kaum zu glauben, dass bei all dem Trubel in der ewigen Stadt tatsächlich noch ein solches Zimmer zu finden war. Ein letzter Gefallen von Kees, dessen Tips zur Übernachtung zwar alle ausgebucht waren. Doch durch Vermittlung eines der Angerufenen gelang die Unterkunft in dieser edlen Herberge für Luxuspilger. 

Matthias und Indra schlafen derweil wohl noch im kleinen Zelt auf dem Campeggio etwas außerhalb, für Pilger mit knapper Kasse und Hund oft die einzige Chance, um für die Nacht unterzukommen. Ich traf die beiden gestern Abend vor dem OPR und spürte gleich, dass ich mich getäuscht hatte - ich wurde erwartet. Der junge Pellegrino aus der Schweiz war auf fast den gleichen Wegen wie ich unterwegs, treu begleitet von seiner Hündin und natürlich Kees. Er ist jeden Meter zu Fuß gegangen, auch die erste Etappe und war mir die meiste Zeit zwei bis drei Tage voraus. Durch meinen Abkürzer über Moricone sind wir schließlich doch noch fast gemeinsam am großen Ziel angekommen

Matthias und Indra
Für heute haben wir uns am Lateran verabredet. Ich freue mich sehr auf unser Treffen am Ziel der Pilger auf der via francigena, schon gestern haben wir unsere Erfahrungen auf dem Weg ausgetauscht. Wie unterschiedlich die Wahrnehmungen doch sein können - auch er war am ersten Tag bis zum Friedhof in Magnale gekommen. "Der Pfarrer war total nett und hat mich in seinem Garten zelten lassen", erzählt er mir beim abendlichen Bierchen neben dem Petersplatz, während er die neben ihm dösende Indra streichelt. Er lächelt beim Gedanken an das gemeinsame Abendessen dort oben, "kann mir nicht vorstellen, dass der daheim war und Dich nicht reingelassen hat". Ich bin mir da nicht so sicher.

Als erstes Ziel steuere ich heute - noch alleine - San Paolo fuori le mura an. Diese Basilika wurde mir von Harald sehr ans Herz gelegt. Unterwegs besorge ich mir am Bahnhof noch ein Zugticket für heute Abend bis München und lasse meinen Zaino in der Gepäckaufbewahrung. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, noch vier Tage in Rom zu verbringen. Der Trubel und die Massen von Menschen machen mich trübselig, ebenso wie die Sehnsucht nach der Familie. Daheim wissen sie nichts von meinem Plan und erwarten mich erst am kommenden Dienstag am Flughafen.

Die Basilika mit dem Paulusgrab und den Medaillen aller bisherigen Päpste kann mich nur kurz fesseln, nach der Asphalt-Etappe gestern schmerzen mir alle Knochen bis zur Hüfte, was in einem wohl etwas eigenartigen Gang resultiert. Doch der Garten der verträumten Benediktinerabtei lädt mich zu einer ruhigen Meditationsstunde ein, die in einem kleinem Resümee der Pilgerfahrt mündet. 

Spirituell fühle ich mich viel mehr in Assisi als in Rom verortet, auch wenn ich von den Ideen des Franziskus weit entfernt lebe. Meine Befürchtungen vor der Reise hatten mit den Problemen unterwegs nur wenig gemeinsam, Sprache, Schuhe, Kondition und Wetter waren viel weniger das Thema als Orientierung und das Gefühl, unter vielen Menschen einsam zu sein. Die intensivsten Momente erlebte ich, als ich mich als ein Teil der Natur fühlen konnte - und in Gemeinschaft mit Menschen, die auch auf dem Weg waren, als Pilger oder als Suchende. 

Was nun, Pellegrino?
Und so erlebe ich auch die letzten Stunden in Rom in der anrührenden Gegenwart des suchenden Pilgers Matthias, lerne die anstrengende Logistik eines Hundehalters im öffentlichen Leben Italiens kennen (Indra muss fast immer "draußen bleiben") und bin in Gemeinschaft, als ich das franziskanische Ziel dieser Reise aufsuche. Im Lateran empfing Franziskus vom Papst die Genehmigung seiner Ordensregel, der Pellegrino Adam den letzten Timbro im Credenziale.

Doch mit dem Heiligen bin ich auch in guter Gesellschaft, was das Scheitern einer Mission angeht. Am Ende seines Lebens war er nicht sehr glücklich, wie sich die Angelegenheiten in seinem Orden entwickelten. Meiner unerfüllten Idee, auf dem Weg erkennen zu können, wie es weitergeht in meinem Leben, habe ich im Lateran eine Kerze geopfert. Alles was ich mitnehmen kann, ist die banale Erkenntnis: Das Suchen und das Gehen war für mich erfüllender als das Finden und Erreichen des Ziels.

    





  
  

Mittwoch, 20. Februar 2013

Am Ziel?

Gegen Morgen findet der geschundene Pilger dann doch noch etwas Schlaf, nur ein wenig, denn ab sechs Uhr kann die Musik meines telefonino den Verkehrslärm nicht mehr übertönen. Beim Ankleiden merke ich, dass nun das letzte Loch des Gürtels erreicht ist, um die Berghose auf rechte Position zu halten. Ich werde mich bald an die Gebräuche der Kids anpassen müssen. Das Frühstück würde jedem Spartaner mager erscheinen, ich besorge mir in der Bar nebenan zusätzliche Kohlenhydrate für den langen Tag auf Asphalt. Auch dort wird mir abgeraten, zu Fuß weiterzugehen - "Take the bus and enjoy the città". Von einem Pilgerweg neben der Straße weiß hier keine Menschenseele etwas.

Meine abschätzigen (inneren) Kommentare zu dieser Ignoranz legitimer Pilgerinteressen weicht bald tiefer Demut - es gibt nach Mentana kaum Ausweichmöglichkeiten neben der Straße, der immer dichtere Verkehr rauscht unablässig an mir vorbei. Ich habe die entgegenkommenden Autos fest im Blick und stapfe durch die an sich wunderbare Natur, die der Straßenverkehr zu einer Müllkippe verkommen ließ. Bei aller Konzentration, den einzigen unaufmerksamen Fahrer ja nicht zu verpassen, spüre ich eine Mordswut in mir aufsteigen. In dieser Intensität wie üblich auch auf mich selbst. Der resultierende grantige Blick hält mir aber glücklicherweise alle Gefahren vom Leibe. Ich spüre, wie ich kreuzende Wildsäue, bellende Hundemeuten und verwirrende Markierungen in der Natur vermisse. Nein, nicht das Geballer der cacciatori.

Fast am Ziel, etwas unscharf
Am frühen Nachmittag stehe ich dann am Stadtrand von Roma, der Pellegrino als exotischer Farbtupfer an Salihas mobilem Porchetta-Stand, einem beliebten Trucker-Treffpunkt. Doch nicht einmal an dieser Zielmarkierung mag in mir Freude oder Genugtuung aufkommen. Fast erinnert mich dieser Zustand an lange Bieterschlachten im Software-Geschäft. Als der lang ersehnte Auftrag endlich "in trockenen Tüchern" war - kein anhaltendes Gefühl des "Geschafft!" zu erkennen.

Doch ich habe noch ein gutes Stück, es sind noch mindestens 10 Kilometer bis zum Vatikan zu gehen - nun endlich auf Wegen für Fußgänger, sicherer, aber dafür wesentlich belebter. Nach Wochen in der Natur erscheinen mir mehr als 10 Menschen auf einmal bereits als Volksauflauf. Die Gedanken schwanken zwischen "Niemand erwartet Dich hier" und "Wozu das Ganze?". Schon Kilometer vom "großen Ziel" entfernt spüre ich, dass wohl alles, was ich mir von dieser Reise erhofft hatte, bereits in Assisi auf mich gewartet hatte. Mich überkommt plötzlich große Bitternis, die Pilgertränen, die manch verwunderter Passant vielleicht als Rührung über das Erreichen der ewigen Stadt gedeutet haben mag, entspringen wohl eher einer großen Traurigkeit über verpasste Chancen.

Kurz vor dem Vatikan gerate ich in eine Zeremonie mit militärischem Gepränge, eine auf Hochglanz polierte Soldateska empfängt mit endlosem Pomp einen wichtigen Gast, was eine riesige Menschenmenge anzieht. Ein paar Minuten geselle ich mich dazu, doch dann wird mir das Geschiebe zu viel, ich schmuggele mich durch die Reihen, den Petersdom schon unmittelbar voraus im Blick. Total ausgelaugt erreiche ich den Petersplatz, die immensen Menschenmassen erschrecken mich zutiefst. Wie an einem total überbuchten Transferterminal stehen endlose Schlangen zum Sicherheitscheck an, ohne Durchleuchten kommt niemand in den Dom und ans Grab von Petrus. Mein treues Pilgermesser wird als terroristische Bedrohung entdeckt, ich muss es dem Besuch des Domes opfern. 
Am Ziel? (Foto von Wolfgang Stuck)

 So statte ich dem ortsfesten Zentrum meines Glaubens einen halbherzigen Besuch ab und ziehe mich bald wieder aus dem Trubel innen in den Trubel außen zurück, wo gerade ein feiner Nieselregen die Besucher unter die Arkaden ringsum drängt. Im OPR, dem römischen Pilgerbüro, bekomme ich tatsächlich ein offizielles Dokument meiner PIlgerschaft. Als ich die Urkunde vor dem aufwendigen Bau in meinen Rucksack stopfe, höre ich hinter mir ein sanftes "Hey Pellegrino!".








Dienstag, 19. Februar 2013

Monterotondo, Rom schon ganz nah

Gegen Morgen gewinnen die Geräusche aus Claudios B&B langsam die Oberhand über den steten Gedankenstrom des nächtlichen Umherwälzens. Francescas Unterhaltung mit einer anderen Frauenstimme wird untermalt von den Stimmen eines Paares, das im Zimmer nebenan lebhaft diskutiert, immer wieder vom schweizerischen ins italienische wechselnd. Auch dort scheint es darum zu gehen, welche Schritte als nächste anstehen.

Meine sind an diesem Morgen schon fast automatisiert, pilgerfein machen, Zaino packen und Karten wälzen am Frühstückstisch. Claudio rät mir, den Weg Richtung Montelibretti auf keinen Fall zu Fuß zu gehen (offenbar hat ihn Francesca vor meinen Hauptstraßen-Wanderungen gewarnt) - er will mich auf einer kleiner Landstraße absetzen, die mich problemlos nach Monterotondo führt, der letzten Station vor Rom. Das schweizerisch-italienische Paar leistet mir Gesellschaft, die beiden leben auf Sardinien und schauen sich gerade nach einem Olivengarten in der Gegend um, sie legen großen Wert auf ihre Ernährung, gutes Öl aus Lazio spielt dabei eine große Rolle. Ich denke gleich an den Rat meines Steuerberaters, diese Idee würde ihm bestimmt gefallen. Doch ich bin noch kein Gärtner, Ungeduld ist dafür keine passende Wesensart.

Auf dem Weg nach Osteria di Moricone
Claudio versorgt mich an diesem Morgen auch mit einem Timbro, danach lässt er es sich nicht nehmen, mir stolz seinen Garten außerhalb von Moricone zu zeigen, ein Juwel, denn neben wunderbar duftenden Orangenbäumen bewacht ein altes Signalhaus aus der Römerzeit das Grundstück. An erhabenen Punkten der Landschaft dienten Häuser wie seines sozusagen als WLAN-Repeater der Antike und transportierten Nachrichten aus Rom heraus und wieder dorthin zurück. Der Blick über die sabinischen Felder und Hügel verbindet sich mit wunderbaren Düften und sanftem Rauschen des Windes zu einer wunderbaren Mischung, die mir ein "bleib doch ein paar Tage, Pellegrino" zuflüstert. Doch ich bin zu nahe am Ziel - obwohl mir Claudio mit seiner Machernatur in den wenigen Stunden fast ans Herz gewachsen ist, verabschiede ich mich schnell und mache mich auf den von ihm vorgeschlagenen Weg. An diesem sonnigen Morgen wandere ich durch eine Gegend, die schon den alten Römern lieb gewesen ist, Pfirsich- und Olivenbäume begleiten mich über die sanften Hügelketten, die sehnsüchtige erste Blicke auf das große Ziel der Reise gewähren.

Römischer Signalturm
größtenteils recycled
Dazu immer wieder alte römische Bauwerke, viele bei weitem nicht in solch gutem Zustand wie Claudios liebevoll bewahrtes Signalhaus. Bald treffe ich wieder auf die blau-gelben Wegweiser der Via di Roma, sehr beruhigend für meine arg strapazierte Pilgerseele.  Gut für das innere Kind erweist sich auch das Zusammentreffen mit einer Gruppe von Joggern, die mich fast schon mit Ehrfurcht betrachten, als ich von der zurückgelegten Route erzähle. Mir fällt auf, wie aufmerksam mich der mitlaufende Labrador beim Warten betrachtet, eine ganz andere Hundeerfahrung als die Wochen zuvor. 

Bereits am frühen Nachmittag laufe ich in Monterotondo ein, wo ich mir via HRS mobil gleich ein Zimmer im "Le petit Hotel" besorge. Die Stadt macht einen fast wuseligen Eindruck, die nahe Großstadt wirkt schon bis hierher. Nach dem ruhigen Tag inmitten idyllischer Natur geht mir der Trubel schnell auf die Nerven. Auch der Pfarrer erweist sich nach der Abendmesse als reichlich mürrisch, er ist kaum bereit, mir das credenziale zu stempeln, leider verstehe ich sein italienisch kaum und weiß bis heute nicht, womit er ein solches Problem hatte. Besser klappt die Verständigung in der Osteria nahe des Hotels, endlich gibt´s wieder einmal "römische" Bucatini all´Amatriciana, mit dem richtigen Speck (Guanciale) zubereitet. Der Malvasia del Lazio passt herrlich dazu, ebenso der Tomatensalat, angeblich sogar aus Marzano-Tomaten (was ich um diese Jahreszeit ins Reich der Fabel weise). 

Wie geht´s morgen weiter? Der auf der Karte markierte Pilgerweg geht die Via Mentana entlang, Alternativen sind nicht zu sehen. Nach Rom sind es circa 30 Kilometer, mitten durch dicht befahrenes Gebiet - wenn ich mir Kees, Claudio und Lucas zu Herzen nehme, kein Spaß da zu gehen. Aber in mir sträubt sich alles, nach fast 450 Kilometern die letzte Meile mit dem Bus zu fahren - es ist beschlossen, ich lege den Weg zum Lateran (Franziskus´ Ziel auf seiner Reise) und zum Grab von Petrus (Katholikenziel) zu Fuß zurück. Domani!
  

Zum Werkzeug deines Friedens mache mich


Herr, mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens.
Wo Hass herrscht, lass mich Liebe entfachen.
Wo Beleidigung herrscht, lass mich Vergebung entfachen.
Wo Zerstrittenheit herrscht, lass mich Einigkeit entfachen.
Wo Irrtum herrscht, lass mich Wahrheit entfachen.
Wo Zweifel herrscht, lass mich Glauben entfachen.
Wo Verzweiflung herrscht, lass mich Hoffnung entfachen.
Wo Finsternis herrscht, lass mich Dein Licht entfachen.
Wo Kummer herrscht, lass mich Freude entfachen.

O Herr, lass mich trachten:
nicht nur, dass ich getröstet werde, sondern dass ich tröste,
nicht nur, dass ich verstanden werde, sondern dass ich verstehe,
nicht nur, dass ich geliebt werde, sondern dass ich liebe,
denn wer gibt, der empfängt,
wer sich selbst vergisst, der findet,
wer verzeiht, dem wird verziehen,
und wer stirbt, der erwacht zum ewigen Leben. 











Montag, 18. Februar 2013

Durch die Nacht nach Moricone

Statue der Hl. Brigida in Farfa
Am Morgen keine Spur von Angelica oder sonst einer Menschenseele, der ich von einer weiteren durchgrübelten Nacht erzählen könnte. Das Setting meiner Pilgerreise verläuft völlig anders als geplant - anstatt tagsüber tief greifende Gedanken über das "wo stehe ich" und "wohin gehe ich" inmitten der inspirierenden Natur auf dem Franziskusweg zu kultivieren, bin ich meist mit Orientierung und Organisation wesentlich naheliegender Themen beschäftigt. Doch die drängenden Gedanken über die Zukunftsperspektiven von Adam und Familie lassen nicht locker - kurz nach Mitternacht liege ich wieder wach im Bett und das Kopfkino rattert im Dauerbetrieb.

Nach dem Gewaltmarsch gestern steht für heute eine ruhigere Etappe auf dem Programm; in der Nähe von Farfa Sabina will ich wieder ein Stück mit Kees gehen und plane die von ihm empfohlene Übernachtung in Fara (ohne zweites "f") in Sabina. Meine lebenswichtigen Wegmarkierungen gehen oben in Poggio San Lorenzo weiter, ich versuche es aber auf eigene Faust nach meiner Karte. Nach gut einem Kilometer ist der Weg allerdings versperrt und ich stehe nach einer halben Stunde wieder am See, meinem heutigen Ausgangspunkt bei Aesops Hotel. Mittlerweile hat der Angler-Kiosk geöffnet und die nächste freundliche Sabinerin namens Valentina erklärt mir hinter dem Tresen kompetent einen alternativen Weg nach Toffia, während sie mir nebenbei ein Pescatore-Frühstück zubereitet, das wohl jeden mürrischen Angler oder Pilger milde stimmt. 

Der Weg nach Toffia führt malerisch an Hügelketten vorbei durch duftende Olivenhaine. So macht das Pilgerleben Spaß, nur die vorgerückte Stunde sät leichte Zweifel, ob es überhaupt möglich sein wird, vor der endlosen Siesta des Klosters nach Farfa zu gelangen. Trotz des Zeitdrucks lasse ich mir eine ausführliche Tour durch das wunderbar am Hügel angelehnte Toffia nicht nehmen, die eng aneinander geklebten Häuser vermitteln das Bild eines beschaulich-entspannten Zusammenlebens, auch wenn vor einer Tür zwei ältere Bewohnerinnen einen erbitterten Zwist austragen. Vielleicht habe ich doch ein etwas zu idealisierendes Bild des städtischen, dichtgedrängten Gemeinwesens. Jedenfalls verziehe ich mich lieber weiter Richtung Farfa, anstatt mich zur wachsenden Schar Schaulustiger zu gesellen, die wohl in Kürze Wetten über den Ausgangs des Disputs abschließen werden.

Farfa - im 11 Jhd Herrscherin über Mittelitalien
Obwohl ich den Weg nach Farfa beinahe im Laufschritt zurücklege, reicht es nur für einen weiteren prominenten Stempel in meinem credenziale und einen kurzen Blick in die Abtei. Ich finde den Ort weitaus interessanter - seine zwei Reihen an fast gleich hohen Gebäuden strahlen eine Aura von Kontinuität aus. Das Ristorante mit seinen genialen Penne Don Camillo bringt meinen Reiseplan zusätzlich etwas ins Schwanken, doch nach dem Caffé steht fest, dass ich weiter nach Fara gehen werde, nun wieder nach den Anweisungen von Kees. Wohl zum letzten Mal auf dieser Reise - der angekündigte Anstieg über eine "hohe Wiese" entwickelt sich zu einer Kletterpartie durch Fara´s Müllberg (offenbar fanden einige unerfreuliche Entwicklungen statt) und verdreckt und verschwitzt lande ich auf dem Marktplatz der kleinen Gemeinde. Die einzige Möglichkeit zur Übernachtung ist geschlossen, die Clarissinnen sind in Klausur, was mir eine durch mein Dauerklingeln an der Pforte aufgeschreckte Nachbarin vermittelt.

Da wäre ich doch besser in Farfa geblieben - so langsam bricht die Dämmerung herein. Als mich auf dem Weg nach Montelibretti dann die Dunkelheit einholt, verlasse ich den Pilgerpfad, um an mehreren Stellen der Schnellstraße Autostop zu versuchen - ohne Erfolg. Dann beginnt es zu regnen, gottergeben wandere ich die letzten paar Kilometer begleitet vom Feierabendverkehr bis zu einer Tankstelle. Vom Handy aus erwische ich dort zum Glück Claudio, den von Kees angepriesenen Herrscher über das Regillo Village in Moricone. Er reagiert zwar nicht besonders begeistert, dass er seine Tochter zum Bergen  des gestrandeten Pilgers losschicken muss (er selbst muss noch dringend weg), aber schließlich holt mich Francesca (wie passend) nach einigen Irrungen eine Stunde später von der AGIP-pompa ab. "You must be crazy, to walk this way by night and rain" erklärt sie mir zwischen zwei Telefonaten, sie ist zu geladen um zu spüren, wie dankbar ich ihr für ihre abendliche Heldentat bin. "That´s not so crazy as the things I´ve done before" (und denke dabei z.B. an die Durchquerung der Müllkippe von Fara, deren Geruch mir vermutlich noch immer anhaftet). Zum ersten Mal erkenne ich den Anflug eines Lächelns auf ihrem angespannten Gesicht. Den Rest der Fahrt verbringen wir schweigend, meinen Zwanziger für eine Stunde Herumfahren nimmt sie mit einem gnädigen Grazie! entgegen. Sie zeigt mir mein Zimmer und verschwindet sodann eilig.

Nach einer Pizza und einem Bier in einer der wenigen Bars genieße ich frisch geduscht mein sauberes Zimmer, das im Lichte von Aesops Absteige (trotz Angelica) geradezu feudal wirkt. Wenn es nach Kees ginge, könnte ich morgen den Zug nach Rom nehmen. Ich werde dort aber zu Fuß ankommen. Danke guter Holländer, meist hast Du mich treu geführt.

Sonntag, 17. Februar 2013

Mit Aesop ins Land der Sabiner

Francesco grüßt
vor S. Maria Assunta
Gianfranco, mein Herbergswirt vom B&B Luciana, bringt morgens noch Zutaten für ein herzhaftes Frühstück herbei und bietet mir an, mich bis zum A.P.T in die Stadt mitzunehmen.  Nachdem ich die öde Strecke in die Stadt hinein schon vorgestern aus La Foresta kommend zurückgelegt habe, willige ich gern ein. Wenn ich Gianfranco richtig verstehe, hat er sein neues Geld eben erst in die große Wohnung gesteckt, die er nach Lauredanas Beispiel als günstiges Bed&Breakfast an fahrendes Volk wie Handwerker aus dem näheren Osten und eben Pilger wie mich vermieten will.

Im Tourist-Office hoffe ich, mein Zertifikat und etwas bessere, sprich detailliertere Karten für den restlichen Weg auf der via Francigena nach Roma zu erhalten. Während ersteres wunderbar klappt, erscheinen mir die Karten im A.P.T. als etwas zu schematisch. Der Zusicherung, dass der Weg Richtung Poggio S. Lorenzo gut markiert sei, schenke ich dann doch etwas Vertrauen. In einem schicken Internetcafe suche ich mir eine Herberge (Il Esopo) für die kommende Nacht und starte einmal mehr ohne Karte, dafür mit sehr gemischten Gefühlen Richtung Süden. Franz´ Gesichtsausdruck auf seinem Stein vor der Cattedrale scheint ähnliche Gedanken auszudrücken, bevor er seine letzten Etappen Richtung Rom anging.

Vielleicht sollte ich erklären, warum ich mich in Rieti von meinem Pilgerführer weitgehend löste. Kees macht kurz vor Rom noch einen ausführlichen Schlenker ins Kloster Stroncone und zurück nach Umbrien, bevor er kurz vor dem Ziel eine Bahnfahrt nach Rom empfiehlt. Mir hat schon der Start der ersten Etappe in Florenz per Zug nicht besonders gefallen, das Ziel der Reise möchte ich auf jeden Fall zu Fuß erreichen, als einziges Zwischenziel scheint mir Farfa lohnenswert. Dazu spüre ich seit einigen Tagen immer deutlicher Anwandlungen von Heimweh, vermischt mit dem Wunsch, wieder in "meine Realität" einzutauchen, aber nun in einen Kontext von sinnvollerem Handeln als im bisherigen Job. Auch das Fehlen von Robert macht mir mehr zu schaffen, als anfangs gefühlt. Einerseits bin ich trotz meiner Irrungen ganz zufrieden damit, wie ich die Reise alleine angepackt und durchgestanden habe (mit gütiger Mithilfe "von oben"). Doch bis auf die Kontakte mit Lucas, Caroline und Sonja konnte ich mir nur wenig selbst zuhören - ein wichtiger Part in den Gesprächen mit dem langjährigen Weggefährten, den ich gerade sehr vermisse.
 
Reste einer Römerbrücke an der via salaria
Richtung Torricella in Sabina haben die Organisatoren der Via Francigena ganze Arbeit geleistet, überall Markierungen entlang der alten Römerstraße, die als Via Salaria nunmehr zu einer Schnellstraße mutiert ist. Die ausgeschilderten Wanderwege folgen jedoch einem vertrockneten Flussbett, leider für Wanderer fernab der angepriesenen Sehenswürdigkeiten. Nur der Ponte Sambuco aus der Römerzeit ist in Reichweite und ich verbringe eine späte Mittagspause unter blauem Himmel an dem uralten Gemäuer. Auch nach dem idyllischen Torricella in Sabina geht die Reise ohne Navigationsprobleme weiter und schon bald wähne ich mich am Ziel des heutigen Tages. Leider ist in ganz Poggio San Lorenzo keine Unterkunft zu finden, Aesop´s Herberge befindet sich (wie ich nach intensivem Nachfragen erfahre) "etwas außerhalb" an einem See unterhalb des Berges. Der Hatscher bergab, weg vom markierten Weg, lässt meine Stimmung nicht eben steigen, doch kurz vor 17 Uhr stehe ich nach geschätzten 28 Kilometern an einem verträumten Anglerparadies, das sich auch von den auf der nahen Via Salaria vorbeidonnernden Autos nicht aus der Ruhe bringen lässt.

Das "Il Esopo" erweist sich als eigenartige Erfahrung - das Zimmer ist teuer, aber dafür in all den Tagen in Italien unterste Schublade. Dafür versteht der Pizzabäcker sein Handwerk, abends ist das Restaurant rund um den offenen Kaminofen gut gefüllt mit (vermutlich erfolglosen) Anglern und hungrigen Reisenden, die von der SS4 eine Rast einlegen, bevor sie sich auf die letzten Meter Richtung Rom aufmachen. 

Angelica, die freundliche Kellnerin, versucht sich in Konversation mit dem heute sehr müden Pellegrino, als sich später am Abend die letzten Essensgäste verzogen haben. Ich schaffe es nicht so Recht, ihr die Motive für meine Pilgerschaft, dazu noch solo zu erklären. Nach Ihrer Meinung müsste zumindest "jemand interessantes" auf mich am Zielort warten, um den ganzen Aufwand zu rechtfertigen. Cui bono - wem nützt es, anscheinend eines ihrer Credos. Als nach dem zweiten Caffé aus der Küche ein unmutiges "Angeeeelica!" (Vater? Ehemann? Lover? Chef?) ertönt, ist unser Gespräch abrupt zu Ende. Ich darf meinen GPS-Empfänger (warum auch immer habe ich nur das Ladegerät für den Zigarettenanzünder dabei) in Ihrem Auto aufladen, aber nur, wenn er nicht zuviel Strom zieht. Ein schönes Bild. Erst Morgen muss ich wieder meinen ausgeschilderten Weg finden.


Der Löwe und das Mäuschen (nach Aesop)


Ein Mäuschen lief über einen schlafenden Löwen. Der Löwe erwachte und ergriff es mit seinen gewaltigen Tatzen. »Verzeihe mir«, flehte das Mäuschen, »meine Unvorsichtigkeit, und schenke mir mein Leben, ich will dir ewig dafür dankbar sein. Ich habe dich nicht stören wollen.«

Großmütig schenkte er ihr die Freiheit und sagte lächelnd zu sich, wie will wohl ein Mäuschen einem Löwen dankbar sein.

 Kurze Zeit darauf hörte das Mäuschen in seinem Loche das fürchterliche Gebrüll eines Löwen, lief neugierig dahin, von wo der Schall kam, und fand ihren Wohltäter in einem Netze gefangen. Sogleich eilte sie herzu und zernagte einige Knoten des Netzes, so daß der Löwe mit seinen Tatzen das übrige zerreißen konnte. So vergalt das Mäuschen die ihm erwiesene Großmut.

(Quelle: http://gutenberg.spiegel.de/buch/1928/10)




 


Samstag, 16. Februar 2013

An der Krippe - Greccio und Fonte Colombo

Als ich morgens erwache, ist das Girasole noch nicht im Tagesbetrieb. Nur die Herrin des Hauses werkelt schon am Frühstück, Felice ist schon al lavoro, die Jugend schläft noch. Obwohl ich mir für heute wieder eine Mammut-Etappe verordnet habe, lasse ich den Tag gemütlich mit Franca in der wunderbaren Küche der Nuccis angehen und bekomme zum Abschied noch eine DVD mit einer Doku der Via Francigena als regalo (musste ich auch erst in Leo eingeben).

Danach besuche ich die Messe in Contigliano, mit einem dunkelhäutigen Baby als Star - gegen den kleinen Derwisch erscheinen Antonias Eskapaden im Gottesdient (gehma jetzt ENDLICH usw.) als harmlose Spielchen eines wohlerzogenen Engelchens. Ich wünsche mir, dass ich die Gelassenheit bei "auffälligen" Kindern der anderen auch bei meinem eigenen Töchterchen kultivieren könnte. Meist verspüre ich den Wunsch, sofort im Boden versinken zu können, während rundherum alle, verständnisvoll wirkend, lächeln.

Greccio im Sonnenlicht (aus Wiki)
Es ist schon spät, sehr spät, als ich endlich den Weg nach Greccio antrete, vorbei an romantischen Hügeln und dem ehemaligen Convento di Pasquale. Zügig gelange ich über den moderaten Aufstieg (reichlich beschildert) erst in den Ort, dann ins Kloster Greccio. Hier hat der Hl. Franz wohl als erster eine lebende Krippe inszeniert; nach den in allen möglichen Sprachen verfassten Beschreibungen im Kloster gehen sämtliche Weihnachtsriten unserer Kultur auf dieses Geschehen in Greccio zurück. Mehr beeindrucken mich die Ruhe und der Frieden in den weniger überlaufenen Ecken des Klosters.

Ich kann trotz allem Zeitdruck nicht widerstehen, an der Mittagsmesse teilzunehmen, sehr stimmig, mit einigen Pilgern mit Rucksack. Nach einem kurzen Ratsch mit dem Priester hole ich mir den timbro ab und erweiche einen italienischen Landadligen im Range-Rover, der mich großzügigerweise in den Ort zurück bringt. Keine Chance, die weit über 20 Kilometer nach Fonte Colombo und zurück nach Rieti noch im Pilgerschritt zu schaffen. 
Der Smalltalk auf italienisch klappt schon ganz ordentlich, ich kann mich sogar für das aus meiner Feldflasche ausgelaufene Wasser entschuldigen, das die Rückbank aus feinem Leder befeuchtet hat - sehr peinlich!

Mir tut die Hetzerei heute richtig Leid, Greccio wäre es wahrlich wert dort zu verweilen, anstatt es wie ein japanischer Tourist mit engem Terminplan abzuhaken. Nicht einmal Zeit für Fotos habe ich mir genommen. "Weiter, weiter!" ruft die rastlose Pilgerseele.

Der Weg zurück in die Altstadt von Contigliano ist wieder einmal eine Nordic-Walking-Etappe (auch in den Lowas mittlerweile problemlos möglich), danach gut beschildert weiter bis zur Verbindung Rieti-Conti. Dort empfiehlt Kees einen Schlenker zum Bahnhof, während die Beschilderung direkt Richtung Fonte Colombo weist. Leider folge ich dieser - nur um nach einer Stunde an einem abgerutschten Hügel abrupt ausgebremst zu werden. Wo ich auch suche, keine Fortsetzung zu finden. Dazu kommt der sehr unsichere Untergrund, hier wurde wohl in großem Stil abgeholzt, dann schlug die Natur zurück. Auch kein GPS-Signal ist zu erhaschen - so orientiere ich mich an der langsam untergehenden Sonne. Auf fast zugewachsenen Forstwegen wandere ich stetig bergauf und gelange nach endlosen Wirrungen tatsächlich nach S. Elia. Sehr leichtsinnig, hier ohne Detailkarte und gegen besseren Rat in den Abend hinein zu rennen, mein lieber schlafloser Pilger.

Von Franziskus gemalt
noch heute sichtbar
An der einzig belebten Kneipe vorbei ist es ein kurzer Sprint bergab, bis ich das völlig verlassen (nur ein paar Katzen und Hunde ruhen sich vor der porta aus) scheinende Kloster Fonte Colombo erreiche. Außer timbro (in dreister  Selbstbedienung) und der Besichtigung der Tau-Kapelle kann ich mich nur noch zu wenigen Besichtigungsaktivitäten aufraffen - im letzten Sonnenlicht stehe ich an der Straße Richtung Tal, weitab von Rieti und der B&B-Adresse, die mir Franca noch zum Abschied in die Hand gedrückt hat. Was nun? Weithin niemand zu sehen, der mich in die Stadt mitnehmen könnte.
 
Jedoch: Mein Glück verlässt mich an diesem Tag nicht mehr - das erste vorbeifahrende Auto wird von einem heimkehrenden Kellner der Bar von S. Elia gesteuert, der mich für 5 Euro bis zur Superstrada mitnimmt. Dort stehe ich im Dunkeln und warte mit ausgefahrenem Daumen auf einen weiteren gnädigen Autofahrer. Kaum überlege ich, mich kleinlaut und zu Fuß für eine weitere Nacht ins Il Girasole durchzuschlagen, hält eine junge Santiago-Pilgerin in spe an und nimmt mich nach Rieti mit. Sie erzählt mir von ihrem Traum, so bald als möglich den cammino zu gehen und fährt mich tatsächlich bis vor die Tür des B&B, wofür sie außer einigen Pilgeranekdoten und einem pace e bene nichts von mir annehmen will.

Lauredana, die Inhaberin des B&B, überrascht mich mit einem Outfit, das auf einen erlebnisreichen Abend schließen lässt - nur leider, leider ist ihr Haus durch einen Trupp Bauarbeiter völlig ausgebucht. Kurzerhand fährt sie mich ein paar Häuser weiter zu einem neu eröffneten B&B eines Freundes, der mich freundlich aufnimmt und sogar mit einem feudalen Abendmahl verköstigt. Ich kann nur noch den Kopf schütteln, keine Ahnung, womit ich das alles verdient habe. Wozu all diese kopflose Rennerei - nur um morgen im Pilgerbüro von Rieti eine Urkunde für den Besuch aller vier reatinischer Klöster abholen zu können? Wieder einmal für zweifelhaften Lohn eine Nacht unter freiem Himmel riskiert.

Und trotzdem fühle ich mich einfach nur sauwohl und freue mich, dass es doch noch geklappt hat. Mit diesem Mix an antipodischen Gefühlen versuche ich für die morgige Etappe ohne Kees und dafür etwas weniger Langstrecken-Anspruch eine Pilgermütze Schlaf zu erwischen.

Freitag, 15. Februar 2013

Rieti und La Foresta

Pforte des Klosters in Poggio Bustone

Nach dem Frühstück lasse ich meinen Zaino in der Herberge und wandere über die regennasse Fahrstraße hinauf zum Franziskaner-Kloster, das etwas abseits des Ortes liegt. Auf dem Weg dahin werde ich von einem kompakt-kleinwüchsigen Mann angesprochen, der mich offenbar um Geld anpumpt. Zuerst verstehe ich sein Ansinnen nicht, da er meiner Vorstellung eines Bettlers  mit seinem gepflegten Äußeren rein optisch nicht entspricht. Er frägt hartnäckig nach ein paar Cents. Unangenehme Erinnerungen an eine ähnliche Szene mit einem Junkie mitten in Amsterdam werden wach ("You have a knife? No? But I have one"). Ich versuche, freundlich zu bleiben, doch die dreiste Art dieses Typen raubt mir allmählich die Fassung. Schließlich gebe ich ihm eine Münze, was seine Bemühungen nur noch mehr anfeuert. Erst als ich ihn anschreie, mich in Ruhe zu lassen (merke: Vokabellernen hilft, auch wenn der Sinn im ersten Moment nicht erkennbar sein mag), bleibt er zurück. Kaum hat sich mein Puls beruhigt, sprechen mich zwei Frauen aus dem Ort an. Sie wollen wissen, ob ich dem Ragazzo Geld gegeben habe. Dies solle ich auf keinen Fall tun, da alles Bare sofort in Alk umgesetzt wird.  Na toll.

Wahrlich ein interessanter Start in diesen Tag. Er begann in den frühen Morgenstunden mit einem alles überstrahlenden Gefühl der Dankbarkeit für meinen Körper, der bisher alle Zumutungen des Pilgerdaseins in meiner sportlichen Auslegung meist klaglos mitgemacht hat. Dankbarkeit auch für die positiven Rückmeldungen von daheim, wo Gerda und die Familie meine Etappen wie in einem Live-Ticker mitverfolgen und die anfängliche Skepsis in idealisierende Begeisterung umgeschlagen ist, witzigerweise genau entgegengesetzt der Dynamik meiner eigenen Zuversicht in das Projekt.

Das Kloster ist menschenleer, zwar kann ich einige Räume und den Garten besichtigen, doch niemand zu sehen, der mir einige Postkarten verkaufen oder mein credenziale stempeln könnte (ganz wichtig für meine deutsche Pilgerseele). Als ich schon wieder abziehen will, treffe ich den gerade von einer Romreise heimkehrenden Frater Mariano, der meine offiziellen Anliegen verarztet. Gerne würde ich besser italienisch sprechen können, obwohl das woher und wohin schon gut funktioniert - etwas mehr vom warum bleibt auf der Strecke, schade.

Ich hole meinen Rucksack von Herrn Landini ab und mache mich auf den Weg Richtung La Foresta, dem zweiten franziskanischen Kloster. So bepackt scheine ich ein leichtes Ziel zu sein, denn am Ortsausgang startet der Schnorrino seinen zweiten Versuch. Diesmal wird er fast gewalttätig, zieht und zerrt an mir herum. Das ist zuviel für mich - ich lasse alle franziskanischen Anwandlungen bleiben und schleudere ihm mit finsterer Miene ein se ne vada! zu. Dies scheint zu funktionieren, mit einem schiefen Grinsen zieht er ab, auch die beiden Frauen, die die Szene wieder beobachten, nicken zufrieden. Offenbar habe ich mich erfolgreich an die landestypischen Sitten adaptiert.

Unterwegs geht mir die Szenerie mit dem Alk-Junkie nicht mehr aus dem Kopf. Warum berühren mich solche Erlebnisse derart tief? Was wäre eine adäquate Form gewesen, mit so einem Menschen umzugehen, gar mit Geduld auf ihn einzugehen? Hätten Franziskus oder Sonja durch ihr Vertrauen in Gottes Führung eine andere und für beide Seiten bessere Form gefunden, als fast in Panik zu verfallen? Ich höre in mich hinein, die Antwort lautet: "Gut gemeistert, schau auf deinen Weg".

Der ist wunderbar genug, im Sonnenlicht bieten sich wunderbare Aussichten auf das Hügelland ringsum. Der Weg ist durchgängig mit Holzwegweisern und (heute mal wieder) gelben Punkten markiert. Es ist bereits Mittagszeit, als ich hunderte von Stufen Richtung Cantalicce hochsteige und dampfend auf dem Marktplatz ankomme. Zeit für eine kleine Brotzeit, mit überwältigender Aussicht. Eine Magnatenvilla reiht sich im weiteren an die nächste, dazwischen Olivengärten und augenscheinlich prosperierende Landwirtschaft - ein kleines Wochenend-Paradies für die gut betuchten Bewohner aus Rieti und Umgebung.

La Foresta-Impressionen
Guter Platz für ein Nickerchen
Wieder einmal lande ich zur Unzeit bei den perfekt gepflegten und in strenger Geometrie angelegten Gärten des Klosters La Foresta. Geschützt unter der Skulptur von San Francesco hole ich etwas Schlaf nach, erst um halb drei werde ich zusammen mit einer kleinen Reisegruppe durchs Kloster geführt. Ein junger Kerl, voller echter Begeisterung für die Kunstwerke und Geschichten des Klosters, zeigt uns die Schätze von La Foresta. Das alles für Gotteslohn - bei den Frati absolviert er derzeit seine Drogen-Reha, wie er uns staunenden Touristen freimütig erzählt. Die amerikanischen Sightseer sind allerdings noch mehr über mein Pilgerprojekt verwundert, "Rome by foot - crazy!".

Mit frisch gestempeltem Credenziale geht es beschwingt nach Rieti hinab, es entsteht keine Liebe auf den ersten Blick. Wohl auch wegen der Menschenmassen, die sich spätnachmittags durch die Stadt mit vielen Brücken über den Velino wälzen. Nach kurzer Besichtigungstour mache ich mich außerhalb der Mauern von Rieti auf die Suche nach einem Platz für die Nacht.

Leider ist die von Kees empfohlene Herberge, die Oasi Francescane, verriegelt und nur von einem Betrunkenen bewacht. Auch auf dem weiteren Weg zum nächsten Tagesziel Greccio tut sich keine Übernachtungsmöglichkeit auf. An der Cottorella-Quelle komme ich beim Nachfüllen meiner Wasserflasche mit einem freundlichen Herren ins Gespräch. Sein Freund hat ein B&B in der Nähe, nach kurzem Telefonat sitze ich in seinem Nissan auf dem Weg zum "Girasole" in Contigliano.

Dort werde ich freundlich von Felice Nucci empfangen, das Zimmer ist bestens ausgestattet und einfach nur tiptop. Kaum angekommen bin ich schon zu einer großen Familienfeier eingeladen, als ich mich nach einem Ristorante zum Abendessen erkundige, fast schon zu viel der Wohltaten für einen Tag.

Das abendliche Festmahl gewährt sehr interessante Einblicke in die Gebräuche Italiens - hinter meinem Platz steht ein riesiger Fernseher, auf dem die berluskonische Maschinerie zur Verblödung Italiens geräuschvoll die Gespräche am Tisch untermalt. Irritierenderweise schauen die Menschen auch während der Unterhaltung immer wieder auf die lärmende  Flimmerkiste. Offenbar ist es möglich, gleichzeitig La Tivu zu schauen, während man sich über die mangelnden beruflichen Perspektiven hier in der Gegend austauscht. Und dieses Thema bestürzt mich zutiefst, trotz gutem Uniabschluss musste Silvia, die Tochter des Hauses, mit ihrem Freund in London jobben. Im Rietital gibt es rein gar keine Chance auf einen Job, der eine Familie ernähren könnte - Hotel Mama ist da die einzige Alternative zum Auswandern. Im Girasole bestimmt nicht das schlimmste Schicksal, doch allgemein wächst mit der Arbeitslosigkeit auch unter gut ausgebildeten Erwachsenen ein heftiges strukturelles Problem heran.


Pappsatt falle ich ins Bett - nach kurzem Telefonat mit Gerda, Antonia und Bello (alles roger daheim) endlich einmal wieder tiefer erholsamer Schlaf ohne Gehämmer.